Das Eismeer, 2025
Pigmentierte Tusche und Aquarell auf Papier
beidseitig bemalt
97 x 130 cm
Das Eismeer ist eine Tuschezeichnung, 97 x 130 cm gross, und entspricht damit fast genau den Massen des gleichnamigen Gemäldes von Caspar David Friedrich, welches
die Ausgangslage für meine Arbeit war.
Caspar David Friedrichs Bilder begleiten mich seit meiner Jugend. Nach dem Gletscher- oder Bergsturz von Blatten und der Wucht des «Erlebnisses» über die in den
Medien zirkulierenden Bildern, stand für mich das Sujet meiner nächsten Zeichnung fest: das Eismeer.
Caspar David Friedrich hat sein Eismeer vor etwas mehr als hundert Jahren gemalt, wobei er sich sowohl thematisch als auch von der Komposition her auf Géricaults
«Floss der Medusa» bezog. Beide Werke können als Sinnbilder für ein beunruhigendes politisches Klima gelesen werden.
Dieser Ausgangspunkt erscheint mir interessant, doch ebenso wichtig war mir der zerklüftete, klippenartige Aspekt sowie das Spiel mit Licht und kristallinen Formen.
Ich möchte, dass mein Bild nicht als bedrohlich, sondern vielmehr als anziehend und faszinierend empfunden wird. Trotz der Unruhe der Komposition, ihrer Spannung und den zackigen Linien, kann das
Leuchten vielleicht als Zeichen von Veränderung oder sogar Erneuerung und Lust am Schönen gesehen werden. Durch den Bezug zu einer Figur der Kunstgeschichte wird die Arbeit zugleich zu einem
Zeugnis für die Relevanz der Kunst.
Nachdem ich in früheren Arbeiten eher den Zustand der Konzentration, der Meditation, der Introspektion und der Langsamkeit ausgelotet hatte, ist diese Zeichnung von einem Empfinden der
Dringlichkeit geprägt. Die bedrohliche Weltlage, die Ungewissheit, die spürbaren Veränderungen, das Gefühl, ohnmächtig selbst Teil eines zerstörerischen Getriebes zu sein… Und dann aber auch –
vielleicht umso stärker – Glücksgefühle angesichts der unfassbaren Schönheit der Welt, der Natur und ihrer Kraft, aber ebenso in Bezug auf menschliche Fähigkeiten wie Sprache, Kunst und
Gedankenaustausch.
Technisch hat mich in letzter Zeit vor allem der Aspekt der Interaktion zwischen zeichnerischen Elementen – Linien, Konturen – und malerischen Flächen, Texturen, Farbübergängen beschäftigt. Ich
ging dabei nicht mehr ausschliesslich von einer geschlossenen Form aus, sondern begann, komplexere und vielleicht weniger eindeutig erkennbare Bildstrukturen zu entwickeln. Dabei erhalten die
aufgerissenen Flächen ebenso viel Bedeutung wie die ausgesparten Konturen, was visuell Raum entstehen lässt.
Ich arbeite weiterhin mit Schicht für Schicht aufgetragenen Lavierungen. Durch diese Vorgehensweise erzeugt der entstehende Kontrast einen Lichteffekt, ein Leuchten, Vibrieren.
Angeregt durch die freie Hängung meiner Zeichnungen in der letzten Gruppenausstellung (nur oben fixiert), habe ich mich mit der Rolle des Papiers als Träger auseinandergesetzt. So begann ich im
vergangenen Jahr, auch die Rückseite des Papiers farbig zu bemalen. Dadurch weist der Schatten des leicht gewellten, frei hängenden Papiers einen zarten Farbstich auf. Dieser springt nicht sofort
ins Auge, trägt aber zu einem Empfinden von Raum und Volumen bei.
Diese Arbeit ist auch geprägt von den unvergesslichen Eindrücken von Grönland, wo ich im Jahr 1999 einen Sommer erlebt habe. In einer weiteren Arbeit, die sich noch im Entstehen befindet, geht es
um eine leise Melancholie: um die Sehnsucht nach unberührter Natur, die Wehmut über ihre Bedrohung und die Frage nach meinem eigenen, touristisch geprägten Blick — sichtbar gemacht im Zerreissen
und erneuten Zusammensetzen der Bilder dieses Landes.
Buchbogen zerrissen und wieder zusammengesetzt.
















